Auf die Barrikaden: Warum die Wut der Heidi Reichinnek so gut tut

Kommentar für freitag.de
07.02.2025

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© Sebastian Gollnow/picture alliance/dpa

Die Linke fällt auf: Ihre Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek zeigt sich kämpferisch im Bundestag und teilt gegen Friedrich Merz aus. Ihre Rede nach dem Dammbruch der CDU wurde millionenfach geteilt. Was weckt Reichinnek in uns?

Eine Rede, die einschlägt wie ein Blitz: Heidi Reichinnek steht am Rednerpult. Ihre Stimme ist laut und entschlossen, ihre Worte präzise gesetzt. „Aller politischen Differenzen zum Trotz hätte ich mir niemals vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Partei – eine christlich-demokratische Partei! – diesen Dammbruch vollzieht, und mit Rechtsextremen paktiert!“, schmettert die 36-jährige Spitzenkandidatin der Linken in Richtung Union. Mit brennender Klarheit offenbart sie die Verlogenheit jener, die diesen historischen Tabubruch kleinreden wollen. Und man kauft ihr jedes Wort ab.

„Menschlich wirklich erbärmlich“, nennt sie die Vorschläge der Union. Und ob überhaupt noch jemand aus der CDU an Walter Lübcke denke? Da bleibt dem Kanzlerkandidaten der Union nichts anderes mehr übrig als nervös zu lachen, wohl um zu demonstrieren, wie wenig ernstzunehmen eine linke Politikerin sei. Als könnte Spott ihn retten. Zwei Tage später verlässt er den Raum, sobald Reichinnek zu ihrer nächsten Rede ansetzt. Ein bemerkenswertes Eingeständnis: Wer fliehen muss, weiß offenbar selbst, wie erbärmlich die eigene Politik ist.

Heidi Reichinnek spricht nicht bloß – sie seziert

Reden im Bundestag sind in der Regel vorhersehbar – gespickt mit Floskeln und glattgeschliffen bis zur Austauschbarkeit. Es wird taktiert, abgelesen, wiederholt. Man hört routinierte Appelle an die Vernunft und Phrasen, die sich nahtlos ins Archiv bedeutungsloser Debatten einfügen. Die einen dozieren betont staatsmännisch, die anderen liefern kalkulierte Empörung fürs nächste Social-Media-Video. Dazwischen: abwesende Abgeordnete, leere Blicke, während die Worte schon wieder verhallen.

Nicht bei Reichinnek. Ihre Rede nach dem Dammbruch der Union vergangenen Mittwoch wurde millionenfach in den sozialen Medien geteilt und hallt auch Tage später nach. Ihre deutlichen Worte in Richtung Friedrich Merz treffen auf viel Zustimmung unter denjenigen, die den historischen Tabubruch einer gemeinsamen Abstimmung mit der AfD durch CDU/CSU, FDP und BSW verurteilen.

„Sie haben die Mehrheiten mit der AfD nicht in Kauf genommen, sie haben diese Mehrheiten gezielt gesucht, und das ist das verdammte Problem!“, schmettert sie in Richtung CDU. So leidenschaftlich, so authentisch, so unmissverständlich können Politiker:innen sein? Heidi Reichinnek spricht nicht bloß, sie seziert. Und die Umfragewerte der Linken steigen.

Wut zur Hoffnung

Der gegenwärtige Wahlkampf gibt reichlich Anlässe zur Frustration: Während die Klimakatastrophe oder soziale Ungleichheit kaum eine Rolle spielen, haben rechte Kräfte es geschafft, Migration zum bestimmenden Wahlkampfthema zu machen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der nächste Bundeskanzler ein Mann, bei dem man nicht weiß, wen er eigentlich am meisten hasst: Queere, Frauen, Arme oder Migranten. Und die Kritik aus den Reihen der Grünen oder SPD am Rechtskurs der Union ist so zaghaft formuliert, dass sie sofort wieder zurückgenommen werden könnte, sollte Friedrich Merz seine Hand für Koalitionsgespräche ausstrecken.

Inmitten dieser Häufung an politischen und menschlichen Abgründen, die derzeit viele fassungslos zurücklassen, erinnert Heidi Reichinnek daran, wie vernünftig sich Wut anfühlen kann. Denn die Wut, die Reichinneks Reden glühen lässt, scheint nicht nur eine angebrachte Reaktion auf Ungerechtigkeit, sondern auch konstruktiv. Nicht unkontrolliert, sondern gezielt, nicht zerstörerisch, sondern aufrüttelnd. Wut ist das Gegenteil von Resignation, von Passivität und Hoffnungslosigkeit. Wer wütend ist, hat noch nicht aufgegeben. (...)

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